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Taubenschlag Ausgabe 15. September 2009


Gefährten des Mondes


von Udo Wenzel

IX. Die letzte Reise

Jisei sind japanische Todesgedichte. Angesichts des nahenden Todes schrieben viele Japaner hoher Bildung (Zenmönche, Samurai, Dichter) ein letztes Gedicht. Solche Gedichte findet man bereits in den klassischen Gedichtsammlungen Japans, im Kojiki (712 n.Chr.), Man'yoshu (Ende des 8. Jahrhunderts) und Kokinshu (905 n.Chr.). Die meisten waren zunächst als kanshi (chinesisches Gedicht) oder als waka verfasst, ab dem 16. Jahrhundert gibt es auch erste haikai. Größere Verbreitung erlangte diese Praxis jedoch erst während der Meiji-Zeit (1868-1912). In den Gedichten wird der Tod oder das Sterben meistens nicht direkt erwähnt. Yoel Hoffmann weist in seinem Buch „Japanese Death Poems“ (Tokio, Vermont, Singapur 1986) darauf hin, dass die jisei oftmals Naturerscheinungen thematisieren, die in der jeweiligen Jahreszeit präsent sind. Andererseits haben sich viele Dichter bereits lange vor ihrem Tod Gedanken über ihr letztes Gedicht gemacht. Auch dieser Umstand lässt darauf schließen, dass die Gedichte nicht unbedingt realistische Abbildung sein wollen, sondern symbolisch aufgeladen sind und sich intertextuell auf frühere literarische Vorlagen beziehen. Ein häufiges Motiv ist beispielsweise ein weißer Vogel: Yamato Takeru-no-Mikoto, der Held des Kojiki, von dem das erste Sterbegedicht überliefert ist, verwandelte sich zum Zeitpunkt seines Todes in einen weißen Vogel. Naheliegend ist, dass man sie ebenso als Grußformel verstehen kann, eine wichtige Funktion auch des Startverses in der Ketten-Dichtung. So sind jisei zugleich ein letzter Abschiedsgruß an die Hinterbliebenen.

Zum Sommerende möchte ich aus Hoffmanns Buch einige jisei vorstellen, in denen der Mond vorkommt. Die Haiku wurden von mir aus der englischen Übersetzung von Hoffmann ins Deutsche übertragen.

Kûkû to / mono no nioi ya / tsuki no ume


Leer ist

der Geruch der Dinge ...

über Pflaumenblüten der Mond


(Sohoku, S. 309)


Sohoku starb 64jährig im Frühjahr des Jahres 1743. Vermutlich hat er selbst ein letztes Mal die Blüte des Pflaumenbaums erlebt, die ihn zu diesem Vers inspirierte. entspricht dem Begriff Shunyata im Sanskrit und verweist auf die buddhistische Lehre (im Mahayana-Buddhismus) vom „Nicht-Selbst“. Danach sind alle Phänomene „leer“, sie sind substanzlos und haben keine Eigennatur oder beständige Existenz im steten Wandel der Welt.

Meigetsu no / ato ni mo mune no / hikari kana


Voller Herbstmond

sein Licht verbleibt

auf meiner Brust ...

(Kanshu, S. 214)


Meigetsu bezeichnet den achten Vollmond im Lunarkalender. Der Brauch des tsukimi (siehe dazu auch unten die Einladung), des gemeinsamen Betrachtens des vollen Herbstmondes, wird seit altersher in Japan zelebriert, überliefert wurde er aus China. Kanshu starb am elften Tag des neunten Monats des Jahres 1772. Das Gedicht legt die Vermutung nahe, dass Kanshu in den letzten Stunden seines Lebens noch einmal das Licht des ehedem vollen Mondes in seinem Herzen verspürt hat. 

Tsumimono ya / nakute jôdo e / tsuki no fune


Unbeladen

gen Himmel gerichtet

das Mondschiff


(Dohaku, S. 158)


Tsumi im ersten Wortteil hat im Original eine Doppelbedeutung: Es steht sowohl für Sünde als auch für „Ladung“, so dass auch „Ohne Sünde“ übersetzt werden könnte. Dohaku erscheint bereit für seine letzte Reise, die er glücklicherweise ohne Gepäck antreten kann. Er starb 1675.

Itsu nukeru / soko tomo shirazu / oke no tsuki

Man weiß nie, wann

der Boden herausfällt:

der Mond im Fass

(Mabutsu, S. 239)


Mabutsu thematisiert hier die Ungewissheit der Stunde des eigenen Todes. Noch spiegelt sich der Mond im Wasser des Fasses, doch wie lange noch? Der Dichter starb am Tag des Herbstvollmonds im Jahr 1874.


Meigetsu no / hô e korobasu / makura kana

Voller Herbstmond -

ich schiebe mein Kissen

näher an ihn heran

(Saiba, S. 273)


Auch Saiba starb 1858 zu dem Zeitpunkt, der in seinem jisei angegeben ist. Saiba versuchte wohl tatsächlich sein Bett näher an das Fenster zu schieben, durch das der Mond hereinschien. Dieser Akt erinnert nicht nur an die tröstende Wirkung des vollen Licht des Mondes. Der Mond steht im Buddhismus auch als Symbol für Erleuchtung und zeigt den Wunsch des Dichters am Ende seines Lebens diesem geistigen Zustand zumindest näher zu kommen.



Aktuelles über den Mond und Einladung:

Der erste Herbstmond dieses Jahres wird am Sonntag, den 4. Oktober zu sehen sein. In Japan wird am 3. Oktober tsukumi (Mondschau) gefeiert, dies entspricht der 15. Nacht des achten Monats im Lunarkalender. Ursprünglich wurden in dieser Nacht der Mondgottheit Opfergaben dargebracht und um eine ertragreiche Ernte gebeten. Noch heute werden dabei Reiskuchen (tsukimi-dango), Stielblütengras (susuki), saisonales Obst und Reiswein verwendet und Haiku zum Thema gedichtet. Ich lade meine Leser zu einer virtuellen tsukimi ein: Betrachten Sie am 3. oder 4. Oktober den Herbstmond und senden mir bis zum 05. Oktober 2009 ein aktuelles, bisher unveröffentlichtes Herbstmond-Haiku (maximal 2 Haiku pro Einsender) zu (udo.wenzel@gmx.de, Kennwort tsukimi). Die besten Haiku werden voraussichtlich am 15. Oktober 2009 auf dieser Website veröffentlicht werden.



Im Videoschnipsel ein Rezept zur Herstellung eines traditionellen Gerichts zur Mondschau
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Die auf 12 Folgen angelegte Haikusammlung „Gefährten des Mondes“ erscheint gewöhnlich am 15. eines Monats. 


Gefährten des Mondes Teil I: Große Erwartungen
Gefährten des Mondes Teil II: Mondrausch und taghelle Mystik
Gefährten des Mondes Teil III: Kein Mond, Nirgends
Gefährten des Mondes Teil IV: Wie es Euch gefällt
Gefährten des Mondes Teil V: Nur der Mond schaut zu
Gefährten des Mondes Teil VI: Mondbildnisse
Gefährten des Mondes Teil VII: Erster Flug zum Mond
Gefährten des Mondes Teil VIII: No Moon is Perfect